Xiaoliuqiu – oder wie uns unerwartet ein Abenteuer fand

Xiaoliuqiu – oder wie uns unerwartet ein Abenteuer fand

Wir sind mit recht niedrigen Erwartungen nach Xialiuqu gefahren. Es ist eine kleine Koralleninsel an der Küste vor Kaohsiung und wir wollten nur ein paar entspannte Tage am Meer, da wir den letzten Monat konstant auf Achse waren (es gibt so viel zu sehen überall!). Wir konnten ja nicht ahnen, dass uns eine der spannendsten Wochen unserer Reise bevorstand.

Holpriger Anfang

Als wir auf der Insel ankommen, verlaufen wir uns erstmal und essen im Endeffekt nichts zu Mittag. Um acht rum machen wir uns endlich auf die Suche nach einem Abendessen und ich bin am verhungern – als eine ältere Taiwanesin meine tollpatschigen Bemühungen nicht versteht, sie auf Mandarin zu fragen, ob sie denn Jiaozi (chinesische Maultaschen) anbietet, bin ich den Tränen nahe. Ich war mit 16 ein Jahr in China und obwohl ich seither herzlich wenig für mein Mandarin getan habe, hatte ich die innere Erwartung “einfach wieder reinzukommen”. Als klar war, dass es nicht so einfach sein würde, wurde ich vor lauter unrealistischen Erwartungen immer nervöser und unglücklicher (all das natürlich trotz der Tatsache, dass viele Taiwanesen nicht Mandarin, sondern eben Taiwanesisch sprechen).

Und dann kam die Wende (hipp hipp hurrah!)

Als wir endlich einen kleines Grill-Restaurant finden, wird der recht beschissene Tag doch noch ein guter. Ein kleines Mädchen am nächsten Tisch war ganz fasziniert von Adams Bart und bald unterhalten wir uns mit ihrer Mutter und deren Freundin. Es stellt sich heraus, dass dass die drei Frauen im Restaurant mit der Besitzerin befreundet sind und eine von ihnen, Lynn, viel Zeit in Australien verbracht hat – ihr Englisch ist super. Wir kommen ins Gespräch und verbringen den Abend glücklich ratschend. Später gesellen sich zwei Schwestern, Lynns Freundinnen Ya Xing und Lin Ting, dazu und als wir sie um eine Restaurantempfehlung für das nächste Abendessen bitten, laden sie uns stattdessen zu sich nach Hause ein. Wir hatten viele Reiseberichte von Rucksacktouristen gelesen, denen Einheimische die Türen zu ihrem Zuhause geöffnet haben; doch unterwegs haben wir schnell gemerkt, wie schwierig es sein kann Einheimische kennenzulernen. Sprachbarrieren sind ein Teil des Problems – aber die Leute haben oft auch einfach besseres zu tun, als sich mit Touristen anzufreunden, die ein paar Tage später wieder abreisen (mal ehrlich, wann habt ihr das letzte Mal einen völlig Fremden zum Abendessen eingeladen?). Umso beeindruckender die Offenheit der Mädels, sie haben uns sogar auf ihren Motorrädern heimgefahren (noch ein neues Erlebnis!).

 

Eine Woche Abenteuer

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zum Vase Rock, der bekanntesten Korallenformation der Insel. Die Mädels haben uns gesteckt, dass wir dort Meeresschildkröten erspähen könnten und so stülpen wir unsere Schnorchel über und ziehen los. Einige Chinesischen Touristen kommen mit uns an; doch tragen sie ganze Neoprenanzüge und Schwimmwesten und werden an einem Rettungsring von einem Einheimischen durchs Wasser gezogen. In China und großen Teilen Asiens ist es oft nicht üblich Kindern das Schwimmen beizubringen. Wir waten in der Hoffnung ins Wasser, vielleicht eine Schildkröte zu Gesicht zu bekommen. Sobald wir untertauchen, entdecken wir ein riesiges Exemplar, etwa einen Meter lang, das friedlich auf Meeresalgen rumkaut. Ich stelle mir vor, es wäre ein ähnliches Gefühl einen Elefanten zu treffen – es sind beeindruckende, alte Wesen und ich gehe sicher, meine Distanz zu halten.

 

Kuckuck!

Wir waren davon ausgegangen, dass das Abendessen in der Wohnung der zwei Schwestern stattfinden würde – doch es stellt sich heraus, dass ihre Eltern ein rechtes Festessen für uns gezaubert haben und wir stattdessen in ihrem Drei-Generationen-Haus essen würden. Adam lernt, dass man, wenn man einem Fischer eine Flasche Sake als Gastgeschenk mitbringt, darauf vorbereitet sein sollte, sie mit ihm zu leeren – und dann noch ein paar mehr. In den nächsten Tagen freunden wir uns gut mit  Lynn, Ya Xing und Lint Ting an – sie nehmen uns in das Hotel eines Freundes mit für einen rauschenden Abend, helfen mir mit meinem kläglichen Mandarin und gehen mit uns Hotpot essen, eine Art von Eintopf, der in der Tischmitte gekocht wird. Irgendwann besorgen wir uns unseren eigenen Roller (das Fahrenlernen ist ein Abenteuer an sich für den armen Adam) und besuchen Ya Xings Eisladen, der das beste Rasur-Eis mit Milchteegeschmack der Insel anbietet. Ya Xing erklärt, dass sie keine Kinder will, weil es bedeuten würde, dass sie sich bis zu ihrem Tod um sie kümmern müsste – stattdessen ist sie ein Schutzengel für die vielen herumstreunenden Katzen der Insel: jeden Abend füttert sie etwa vierzig Tiere und bringt manche zum Tierarzt, um sie sterilisieren zu lassen.

 

Ein sehr ernstes Familienfoto zum Abschluss eines sehr lustigen Abends.
Hot Pot – eine Art Eintopf, der direkt am Tisch zubereitet wird

Wir reden über die Feinheiten von Fernbeziehungen und die Schwierigkeiten von Drei-Generationen-Haushalten. In vielen asiatischen Kulturen wird von der Frau erwartet, dass sie am Tag ihrer Hochzeit mit der Familie ihres Gatten einzieht, was das Fest oft in ein emotionales, tränenreiches Erlebnis verwandelt, voller Verabschiedungen von ihren Eltern. Eine unserer neuen Freundinnen stellt diese Tradition in Frage, seit sie das Haus ihrer verwitweten Mutter verlassen hat, um bei  ihrem Ehemann und Schwiegereltern zu leben. Ihre Mutter ist einsam und sie selbst ist es auch, wenn ihr Mann auf langen Seereisen für die Fischerei unterwegs ist. Taiwan ist bekannt für seine Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, doch Zuhause scheint oft noch die Tradition Vorrang zu haben. Doch Xiaoliuqu ist etwas besonders – die Inselbewohner sind sehr entspannt und die Frauen, die wir kennengelernt haben, sind Geschäftsleute: Lynn hat gerade ihr eigenes Hostel eröffnet & Ya Xing hat ihren Mann überzeugt, mit ihrer eigenen Familie einzuziehen und gemeinsam den Eisladen zu eröffnen, während Lin Ting ihre nächste Reise plant.

 

Zukünftige Abendessen

Das Abenteuer findet einen oft, wenn man es am wenigsten erwartet und ein Teil der Frustrationen auf unserer Reise war, dass wir nicht kontrollieren können, wann genau das ist. Die Woche hatte unschön angefangen und wurde dann zu unserem bisher größten Abenteuer. Wir zählen drei witzige, herzliche Frauen zu unseren Freunden und hoffen, dass sie uns eines Tages in München besuchen kommen. Ihre Offenheit hat mich schwer beeindruckt, mehr als der reine Spaß daran, neue Leute kennenzulernen und bis spät nachts  zu ratschen. Ich werde mich bemühen, mich eines Tages zu revanchieren & Fremde zum Abendessen einzuladen – vielleicht kann uns das Abenteuer auch Zuhause finden.